ADHS bei Erwachsenen: Wie zeigt sie sich, und wie wird sie festgestellt?
Vielleicht liegen auf Ihrem Schreibtisch viele angefangene Dinge, Termine rutschen Ihnen durch, und abends sind Sie erschöpft, obwohl Sie den ganzen Tag beschäftigt waren. Manche Menschen kennen das seit der Schulzeit und fragen sich irgendwann, ob eine ADHS dahinterstecken könnte. In diesem Artikel erkläre ich, wie sich ADHS bei Erwachsenen zeigt, wie eine gründliche Diagnostik aussieht und was Sie selbst tun können. Grundlage sind die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS, ein europäischer Fachkonsens zu ADHS bei Erwachsenen, Übersichtsarbeiten und eine Langzeitstudie.
Wie zeigt sich ADHS bei Erwachsenen?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die Leitlinie beschreibt drei Kernmerkmale, nämlich Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Nicht alle müssen gleichzeitig vorliegen [1]. Bei Erwachsenen sehen diese Merkmale oft anders aus als bei Kindern [2]. Typisch sind zum Beispiel diese Erfahrungen [2]:
- Die Gedanken springen von einem Thema zum nächsten, auch wenn Sie sich eigentlich konzentrieren möchten. Dinge, die Sie sehr interessieren, können Sie dagegen stundenlang fesseln.
- Statt sichtbarer Zappeligkeit spüren viele Erwachsene eine ständige innere Unruhe. Der Kopf schaltet kaum ab, und Entspannen fällt schwer.
- Impulsives Handeln zeigt sich etwa in spontanen Käufen, die später finanziell belasten, oder in Streit, der schnell hochkocht.
- Planen, Ordnung halten, Zeit einteilen und Routineaufgaben wie Rechnungen bezahlen kosten viel Kraft.
Viele Erwachsene mit ADHS erleben außerdem starke Gefühlsschwankungen. Ärger, Gereiztheit oder Frust kommen schnell, klingen aber meist innerhalb weniger Stunden wieder ab. Zu den offiziellen Diagnosekriterien gehört das nicht, es kommt aber häufig vor [2]. Eine Übersichtsarbeit mit 13 Studien und über 2.500 Teilnehmenden fand Schwierigkeiten, Gefühle zu steuern, bei Erwachsenen mit ADHS deutlich häufiger als bei gesunden Vergleichspersonen. Die einzelnen Studien kamen dabei zu recht unterschiedlichen Ergebnissen [3].
Für eine Diagnose reicht ein einzelnes Anzeichen nicht. Es müssen mehrere typische Anzeichen vorliegen, deutlich stärker als üblich. Sie müssen in mehreren Lebensbereichen auftreten, etwa im Beruf und in der Familie, und den Alltag spürbar beeinträchtigen. Treten sie nur in einem Lebensbereich auf, kann das auf eine andere Ursache hinweisen [1].
Warum wird ADHS oft erst im Erwachsenenalter erkannt?
ADHS beginnt typischerweise in der Kindheit und bleibt bei vielen Menschen bis ins Erwachsenenalter bestehen [1]. Wie viele Erwachsene betroffen sind, schwankt je nach Studie stark. Eine weltweite Übersichtsarbeit kommt auf etwa 2 bis 3 von 100 Erwachsenen mit einer ADHS, die schon in der Kindheit begonnen hat [4]. Dass sie oft erst spät erkannt wird, hat mehrere Gründe:
- Die sichtbare Hyperaktivität lässt ab der Pubertät oft nach [1].
- Manche Menschen gleichen ihre Schwierigkeiten lange aus, etwa durch eine hohe Begabung, viel Struktur von außen oder einen Beruf, der zu ihnen passt [2].
- Begleitende Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste fallen oft stärker auf als die ADHS, und nicht alle Fachleute kennen ADHS bei Erwachsenen gut [2].
- Bei Mädchen und Frauen stehen Unruhe und Impulsivität seltener im Vordergrund, und sie erhalten seltener eine Diagnose [2].
- Die Beschwerden können über die Jahre schwanken. In einer Langzeitstudie mit 558 Kindern, bei denen im Alter von 7 bis 9 Jahren ADHS festgestellt worden war, wechselten sich bei rund 64 von 100 bis zum Alter von etwa 25 Jahren Phasen mit weniger und mit mehr Beschwerden ab. Nur etwa 9 von 100 waren bis zum Ende der Studie anhaltend beschwerdefrei [5]. Solche Schwankungen können nach meiner Einschätzung dazu beitragen, dass eine ADHS lange übersehen wird.
Manchmal werden die Schwierigkeiten erst deutlich, wenn die Anforderungen steigen, zum Beispiel mit Studium, Beruf oder eigener Familie [1, 2]. Dann prüft die Diagnostik, ob es schon in der Kindheit Anzeichen gab, auch wenn sie damals schwächer waren [1].
Wie läuft eine gründliche ADHS-Diagnostik ab?
Einen Bluttest, ein EEG oder einen einzelnen Test, der ADHS sicher nachweist, gibt es nicht [1]. Die Diagnose beruht bei Erwachsenen vor allem auf einem ausführlichen klinischen Gespräch [1]. Darin geht es um folgende Bereiche [1, 2]:
- die heutigen Beschwerden in Beruf, Familie, Beziehungen und Freizeit und wie stark sie den Alltag einschränken,
- die Entwicklung seit der Kindheit, wenn möglich mit alten Zeugnissen oder Berichten,
- andere psychische und körperliche Beschwerden sowie die Familiengeschichte,
- wenn möglich die Sicht eines nahestehenden Menschen, etwa der Partnerin, des Partners oder der Eltern.
Ergänzend kommen Fragebögen zur Selbst- und Fremdeinschätzung zum Einsatz. Gut geeignet sind Fragebögen, die abgestuft erfassen, wie häufig und wie stark ein Merkmal auftritt [1]. Testverfahren, etwa zur Aufmerksamkeit, können zusätzliche Hinweise geben. Allein auf solche Tests darf sich die Diagnose aber nicht stützen, weder beim Feststellen noch beim Ausschließen einer ADHS [1].
Ein wichtiger Teil ist die Frage, ob etwas anderes hinter den Beschwerden steckt. Konzentrationsprobleme und Unruhe kommen auch bei Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, einer bipolaren Störung, einer posttraumatischen Belastungsstörung oder bei Suchtmittelkonsum vor. Auch eine Erkrankung der Schilddrüse kann ähnliche Beschwerden verursachen [1]. Häufig liegt auch beides vor [1]. In großen Bevölkerungsbefragungen der Weltgesundheitsorganisation mit über 26.000 Befragten hatte etwa die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS mindestens eine weitere psychische Erkrankung. Über das ganze Leben betrachtet nennt der europäische Fachkonsens 60 bis 80 von 100 [2]. Stellt eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut die Diagnose, sieht die Leitlinie zusätzlich eine körperliche Untersuchung bei einer Ärztin oder einem Arzt vor [1].
Wie ich die Diagnostik in meiner Praxis durchführe, mit welchen Gesprächen und Testverfahren, beschreibe ich auf der Seite ADHS-Diagnostik.
Was kann ein Online-Test leisten?
Online-Selbsttests beruhen auf Fragebögen zur Selbsteinschätzung. Ein bekanntes Beispiel ist der Fragebogen ASRS für Erwachsene, den die Weltgesundheitsorganisation anerkennt [2]. Solche Fragebögen können ein erster Hinweis sein, ob sich eine Abklärung lohnt. Eine systematische Übersicht hat ihre Treffsicherheit ausgewertet. Ein unauffälliges Ergebnis war meist richtig, denn mehr als 96 von 100 Menschen mit unauffälligem Ergebnis hatten tatsächlich keine ADHS. Sicher ausschließen lässt sich eine ADHS damit aber nicht. Ein auffälliges Ergebnis traf in Stichproben aus Kliniken und Praxen dagegen in den meisten Studien bei weniger als 20 von 100 zu [6]. Ein Test im Internet kann deshalb keine Diagnose stellen. Ein auffälliges Ergebnis ist ein guter Anlass, die Beschwerden mit einer Fachperson zu besprechen.
Was kann ich selbst tun?
Die folgenden Schritte stammen aus Bausteinen der Verhaltenstherapie und aus Studien zu Bewegung und Achtsamkeit. Untersucht wurden sie bei Menschen mit ADHS, meist mit Anleitung durch Fachleute. Ob sie allein im Alltag genauso wirken, ist nicht untersucht. Als einfache Hilfen können Sie sie aber ausprobieren:
- Den Kopf entlasten. Halten Sie Termine, Aufgaben und Ideen an einer einzigen Stelle fest, etwa in einem Kalender mit Erinnerungen, und geben Sie wichtigen Dingen wie Schlüssel oder Unterlagen einen festen Platz. Teilen Sie große Aufgaben in kleine, konkrete Schritte und belohnen Sie sich, wenn ein Schritt geschafft ist. In einer Auswertung von 43 Therapiestudien mit Jugendlichen und Erwachsenen gehörten Strategien für Ordnung, Zeitplanung und Belohnung zu den Bausteinen, die am deutlichsten mit weniger ADHS-Beschwerden verbunden waren. Die Autorinnen und Autoren sehen ihre Ergebnisse noch als vorläufig an [7].
- Ein Problem nach dem anderen lösen. Wenn Sie etwas vor sich herschieben, schreiben Sie das Problem auf, sammeln Sie mehrere Lösungen, probieren Sie eine davon aus und prüfen Sie danach, ob sie funktioniert hat. Dieses schrittweise Problemlösen war in derselben Auswertung mit etwas weniger Unaufmerksamkeit verbunden. Dieser Befund ist allerdings unsicher [7].
- Sich regelmäßig bewegen. Wählen Sie eine Bewegung, die Ihnen Freude macht und in Ihren Alltag passt [1]. In Studien verringerte schon eine einzelne Trainingseinheit die ADHS-Beschwerden kurzfristig ein wenig, die Belege sind aber vorläufig. Zu regelmäßigem Training über Wochen sind die Ergebnisse gemischt [8].
- Achtsamkeit ausprobieren. Bei Achtsamkeitsübungen richten Sie die Aufmerksamkeit bewusst und ohne Bewertung auf den Moment. Die Studienlage dazu ist noch unsicher. In einer großen Auswertung von Übersichtsarbeiten zeigten angeleitete Achtsamkeitsprogramme bei Erwachsenen mit ADHS zwar zum Teil große Effekte, die Aussagesicherheit dieser Ergebnisse war aber niedrig bis sehr niedrig [9].
Nicht jeder Schritt passt zu jedem Menschen. Wenn etwas nicht gelingt, ist das kein Versagen. Gerade Planen und Dranbleiben fallen bei ADHS schwer. Diese Schritte ersetzen keine Abklärung und keine Behandlung.
Wann ist eine Abklärung sinnvoll?
Eine Abklärung ist sinnvoll, wenn Sie sich in vielen der beschriebenen Merkmale wiedererkennen, die Schwierigkeiten Sie schon lange begleiten und Ihren Alltag im Beruf, in der Familie oder in Beziehungen deutlich belasten [1]. Auch wenn Sie wegen Depressionen, Ängsten oder Suchtproblemen in Behandlung sind, lohnt sich die Frage nach einer ADHS [1, 2].
Wie geht es nach einer Diagnose weiter?
Am Anfang steht eine ausführliche Aufklärung über ADHS, damit Sie Ihre Beschwerden besser verstehen und über die Behandlung mitentscheiden können [1]. Welche Behandlung passt, hängt vom Schweregrad, von Begleiterkrankungen und von Ihren Wünschen ab. Die Leitlinie sieht bei leichter ADHS vor allem psychotherapeutische und psychosoziale Hilfen vor, bei mittelgradiger ADHS diese Hilfen, Medikamente oder beides und bei schwerer ADHS vorrangig Medikamente, in der Regel kombiniert mit psychosozialen Hilfen wie Psychotherapie [1].
Eine große Auswertung von 221 Metaanalysen über alle Altersgruppen fand für Erwachsene nur bei zwei Medikamenten und bei kognitiver Verhaltenstherapie eine mittlere Wirkung auf die ADHS-Beschwerden, die mit mittlerer bis hoher Aussagesicherheit belegt ist. Diese Belege gelten für die ersten etwa drei Monate der Behandlung [9]. Die Medikamente wurden in den Studien allerdings häufiger wegen Nebenwirkungen abgesetzt als ein Scheinmedikament [9]. Die Verhaltenstherapie setzt bei Fertigkeiten für den Alltag an, etwa bei Organisation, Problemlösen und dem Umgang mit Gefühlen [2]. In einer Auswertung von 70 Studien ging sie mit einer besseren Bewältigung des Alltags einher, am deutlichsten im Beruf. Bei den Nachuntersuchungen, meist drei Monate nach dem Ende der Behandlung, war die Verbesserung insgesamt noch etwas größer als direkt danach. Viele dieser Studien hatten allerdings keine Vergleichsgruppe [10]. Für längere Zeiträume, etwa ein halbes oder ganzes Jahr, gibt es für keine Behandlungsform verlässliche Belege [9]. Ob ein Medikament für Sie infrage kommt, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Über die Praxis
Meine Praxis in Düsseldorf bietet ADHS-Diagnostik für Erwachsene an, vor Ort oder online per Video. Die Gespräche sind auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch möglich, die Testverfahren auf Deutsch. Voraussetzungen, Ablauf und Kosten stehen auf der Seite ADHS-Diagnostik.
Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u. a.: Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Version 2.0, 2026, AWMF-Register-Nr. 028-045, Langfassung. register.awmf.org
- Kooij J. J. S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56, 14–34. doi:10.1016/j.eurpsy.2018.11.001
- Beheshti A., Chavanon M.-L., Christiansen H. (2020): Emotion dysregulation in adults with attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis. BMC Psychiatry 20, 120. doi:10.1186/s12888-020-2442-7
- Song P. et al. (2021): The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: A global systematic review and meta-analysis. Journal of Global Health 11, 04009. doi:10.7189/jogh.11.04009
- Sibley M. H. et al. (2022): Variable Patterns of Remission From ADHD in the Multimodal Treatment Study of ADHD. American Journal of Psychiatry 179, 142–151. doi:10.1176/appi.ajp.2021.21010032
- Harrison A. G., Edwards M. J. (2023): The Ability of Self-Report Methods to Accurately Diagnose Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders 27, 1343–1359. doi:10.1177/10870547231177470
- Matsumoto K. et al. (2024): Components of cognitive-behavioural therapy for mitigating core symptoms in attention-deficit hyperactivity disorder: a systematic review and network meta-analysis. BMJ Mental Health 27, e301303. doi:10.1136/bmjment-2024-301303
- Xu S., Zhao C., Hu L. (2026): The effects of acute and chronic exercise on executive functions and core symptoms in adults with ADHD: A systematic review and meta-analysis. Psychology of Sport and Exercise 84, 103088. doi:10.1016/j.psychsport.2026.103088
- Gosling C. J. et al. (2025): Benefits and harms of ADHD interventions: umbrella review and platform for shared decision making. BMJ 391, e085875. doi:10.1136/bmj-2025-085875
- López-Pinar C. et al. (2026): Cognitive behavioral therapy effects on global functioning, domain-specific functioning, and quality of life in adult ADHD: A comprehensive meta-analysis. Behaviour Research and Therapy 201, 105026. doi:10.1016/j.brat.2026.105026
