ADHS-Masking: Was steckt dahinter, wenn man ADHS verbirgt?
Vielleicht wirken Sie bei der Arbeit aufmerksam und gut vorbereitet, weil Sie jede Besprechung dreimal durchgehen und alles doppelt prüfen. Abends zu Hause ist dann keine Kraft mehr übrig, und kaum jemand ahnt, wie viel Mühe hinter dem ruhigen Auftreten steckt. Für dieses Verbergen und Ausgleichen hat sich der Begriff Masking verbreitet, manche sprechen auch von maskiertem ADHS. In diesem Artikel erkläre ich, was damit gemeint ist, was die Forschung bisher weiß und was Sie selbst ausprobieren können. Grundlage sind die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS, ein europäischer und ein britischer Fachkonsens sowie Studien der letzten Jahre.
Was bedeutet Masking bei ADHS?
Masking (englisch für „maskieren“, in Studien auch Camouflaging) bedeutet, dass Menschen Merkmale bewusst oder unbewusst verbergen oder mit viel Aufwand ausgleichen, um nicht aufzufallen. Der Begriff stammt aus der Forschung zu Autismus und wird inzwischen auch bei ADHS untersucht [5][6]. Eine Diagnose oder eine eigene Form der ADHS ist Masking nicht. In der deutschen Leitlinie kommt der Begriff nicht vor [1].
Manche Erwachsene mit ADHS, die im Alltag viel leisten, entwickeln Fähigkeiten, mit denen sie ihre Schwierigkeiten ausgleichen. Die auffälligeren Probleme fallen dann von außen weniger auf [2]. Die Leitlinie nennt mögliche Gründe dafür, dass ADHS-Beschwerden erst später deutlich werden: Die Kraft oder die Unterstützung zum Ausgleichen, etwa durch Familie und Schule, lässt nach, oder das Leben wird vielschichtiger [1]. Manche Fachleute bezweifeln allerdings, dass sich der Begriff aus der Autismusforschung ohne Weiteres auf ADHS übertragen lässt. Dauerhaftes Verbergen braucht genau die Fähigkeiten zur Selbststeuerung, die bei ADHS eingeschränkt sind. Ausgleichendes Verhalten sollte deshalb nicht vorschnell Masking genannt werden [12].
Erlebte Abwertung könnte eine Rolle spielen. In einer australischen Online-Befragung mit 5.651 Erwachsenen, die meisten davon mit ADHS, hatte gut die Hälfte wegen ihrer psychischen Gesundheit in Ausbildung oder Beruf schon Abwertung oder Benachteiligung erlebt. Diese Menschen gaben etwas mehr Masking an. Ob das eine das andere bewirkt, zeigt die Befragung nicht [9].
Woran merke ich, dass ich maskiere?
Ein festes Erkennungszeichen gibt es nicht. Fachleute nennen zum Beispiel diese Strategien [3]:
- sich besonders angepasst und gefällig verhalten,
- Fehler mit Perfektionismus ausgleichen, etwa durch übergenaues Vorbereiten und Kontrollieren,
- Anspannung und Belastung nach außen nicht zeigen,
- Situationen, Orte oder Menschen meiden, bei denen Schwierigkeiten sichtbar werden könnten.
Masking hängt stark vom Umfeld ab. In einer norwegischen Online-Befragung von 1.056 jungen Erwachsenen mit ADHS, Autismus oder beidem, die meisten davon mit ADHS und überwiegend Frauen, stimmten 83 von 100 der Aussage zu, sich in Schule oder Beruf verstellen zu müssen. In der eigenen Familie waren es 57 von 100, unter Menschen mit derselben Diagnose 21 von 100. Repräsentativ ist diese Befragung nicht [6].
Sich anzupassen ist für sich genommen aber kein Zeichen für ADHS. Auch in der Allgemeinbevölkerung beschreiben viele Menschen, dass sie sich anpassen und ihr Auftreten bewusst steuern [7]. Aus der Liste oben lässt sich deshalb keine Diagnose ableiten.
Maskieren nur Menschen mit Autismus?
Nein. In einer niederländischen Studie mit je 105 Erwachsenen zwischen 30 und 90 Jahren pro Gruppe gaben Menschen mit ADHS mehr solcher Strategien an als eine gleich zusammengesetzte Vergleichsgruppe ohne Diagnose, aber weniger als Menschen mit Autismus [5]. In der viel größeren australischen Befragung gaben Menschen mit Autismus, mit oder ohne ADHS, ebenfalls mehr Masking an als Menschen nur mit ADHS. Anders als in der niederländischen Studie hing dort aber auch die Stärke der ADHS-Beschwerden etwas mit dem Masking zusammen. Die Diagnosen beruhten auf eigenen Angaben; ein Teil der Befragten hatte sich selbst eingeschätzt oder war noch in Abklärung [9]. Beide Studien nutzten einen Fragebogen, der das Verbergen autistischer Merkmale erfasst. Er bildet vermutlich nicht alles ab, was Menschen mit ADHS verbergen [5][9]. Ob eher ADHS, Autismus oder beides vorliegt, kann nur eine fachliche Untersuchung klären.
Betrifft Masking vor allem Frauen?
Bei Mädchen und Frauen steht die sichtbare Unruhe seltener im Vordergrund [2][3]. Zwei Fachkonsense beschreiben außerdem, dass Mädchen ihre Schwierigkeiten in der Kindheit oft besser ausgleichen, etwa durch angepasstes Verhalten [2][3]. Das kann nicht mehr gelingen, wenn neue Anforderungen kommen, zum Beispiel Schulabschluss, Studium, Berufseinstieg oder eine Partnerschaft [2]. Bei Frauen wird außerdem häufiger als bei Männern zuerst eine Angststörung, eine Depression oder eine Persönlichkeitsstörung festgestellt und die ADHS übersehen [2][3].
In Stockholmer Gesundheitsdaten der Jahre 2011 bis 2021 mit 85.330 Menschen mit ADHS erhielten Frauen ihre erste dort erfasste Diagnose oder Behandlung im Schnitt etwa vier Jahre später als Männer, mit 23,5 statt 19,6 Jahren [4]. Ob Masking dabei eine Rolle spielt, wurde nicht untersucht.
Ob Frauen mit ADHS tatsächlich mehr maskieren als Männer, ist noch offen. In der australischen Befragung gaben Frauen über alle Diagnosegruppen hinweg geringfügig mehr Masking an als Männer. Bei den Teilnehmenden, die nach eigener Angabe eine Diagnose oder Behandlung erhalten hatten, war der Unterschied aber nicht mehr nachweisbar [9]. Mehr zum späten Erkennen steht im Artikel ADHS bei Erwachsenen.
Macht Masking krank?
Sicher sagen lässt sich das nicht. Die bisherigen Studien dazu sind Befragungen zu einem einzigen Zeitpunkt. Sie zeigen Zusammenhänge, aber keine Ursachen [6][7].
In der norwegischen Befragung hatten Menschen, die sich stärker verstellen mussten, im Schnitt eine etwas geringere Lebensqualität [6]. In einer polnischen Online-Befragung von 329 Frauen, die eine ADHS-Diagnose angaben, ging stärkeres Verbergen mit mehr depressiven Beschwerden und geringerer Lebenszufriedenheit einher. Die Diagnosen wurden nicht überprüft, und die Fragen zum Verbergen waren neu entwickelt [11]. In einer repräsentativen US-Befragung mit 972 Erwachsenen hing stärkeres Anpassen insgesamt ebenfalls eher mit schlechterem seelischem Befinden zusammen [7]. Fachleute beschreiben außerdem, dass manche Strategien schaden können, etwa wenn jemand Probleme vermeidet, keine Hilfe sucht oder belastende Gefühle mit Alkohol oder Cannabis dämpft [3].
Das Bild ist aber nicht einheitlich. In derselben US-Befragung ging stärkeres Anpassen bei Menschen, die sich viele ADHS-Merkmale zuschrieben, mit etwas besserem Wohlbefinden einher. Fast alle von ihnen hatten keine ADHS-Diagnose [7]. Fachleute betonen zudem, dass Ausgleichsstrategien oft einen sinnvollen Zweck haben, etwa um konzentriert zu bleiben [3]. Nach meiner Einschätzung wird Anpassung vor allem dann zur Last, wenn sie dauerhaft, unter Druck und ohne Erholung geschieht.
Gibt es einen Test für Masking?
Einen geprüften Fragebogen eigens für Masking bei ADHS kenne ich nicht. Die Forschenden fordern neue Fragebögen, die auch Masking bei ADHS erfassen [5][9]. Online-Tests mit dem Wort Masking im Titel können deshalb nach meiner Einschätzung höchstens zum Nachdenken anregen.
Fachleute empfehlen, Ergebnisse von Fragebögen vorsichtig zu deuten, weil starre Grenzwerte in die Irre führen können [3]. Gerade wenn jemand seine Schwierigkeiten gut ausgleicht, können Angaben von Eltern oder anderen Nahestehenden helfen, vor allem zur Frage, wie es in der Kindheit war [1][2]. Die Diagnose beruht ohnehin vor allem auf einem ausführlichen Gespräch über die heutigen Schwierigkeiten und die Entwicklung seit der Kindheit [1].
Was kann ich selbst tun?
Mir ist keine Studie bekannt, die Selbsthilfe gegen Masking geprüft hat. Die ersten beiden Schritte übertragen deshalb Ergebnisse aus Studien mit anderen Gruppen, etwa mit Berufstätigen oder Menschen mit viel Stress. Die Wirkungen waren dort klein, und viele Studien hatten Schwächen. Der dritte Schritt beruht nur auf einer Befragung. Verstehen Sie die Schritte als kleine Experimente:
- Freundlich mit sich selbst sprechen. Wenn Ihnen abends Missgeschicke des Tages nachgehen, schreiben Sie zehn Minuten lang einen kurzen Brief an sich selbst, so wie Sie einer guten Freundin oder einem guten Freund schreiben würden: Was war heute schwer? Würde es anderen in dieser Lage ähnlich gehen? Was brauchen Sie jetzt? Probieren Sie es eine Woche lang an drei Abenden. In Programmen über mehrere Wochen, zu denen oft solche Briefe gehörten, gingen Stress und Niedergeschlagenheit im Schnitt etwas zurück. Anderen Übungen waren sie dabei nicht überlegen, und bei ADHS wurden sie nicht eigens geprüft [8].
- Nach anstrengenden Situationen kurz auftanken. Planen Sie nach Besprechungen, Telefonaten oder Familientreffen, in denen Sie sich stark zusammennehmen, fünf bis zehn Minuten nur für sich ein. Gehen Sie ein paar Schritte, strecken Sie sich oder schauen Sie aus dem Fenster. Kurze Pausen von höchstens zehn Minuten machten gesunde Berufstätige und Studierende in Studien etwas weniger müde und gaben ihnen etwas mehr Schwung [10].
- Einen Ort ohne Maske suchen. Beobachten Sie eine Woche lang, wo Sie sich am meisten verstellen und wo kaum. Wählen Sie dann eine vertraute Person oder eine Umgebung, in der Sie eine kleine Sache nicht mehr verbergen. Sagen Sie zum Beispiel, dass Sie kurz eine Pause brauchen, oder schreiben Sie sich offen etwas auf. Was Sie wem erzählen, entscheiden Sie selbst, auch am Arbeitsplatz [3]. In der norwegischen Befragung fühlten sich die Teilnehmenden unter Menschen mit derselben Diagnose viel seltener gezwungen, sich zu verstellen, und weniger Verstellen ging mit einer besseren Lebensqualität einher. Ob das eine das andere bewirkt, ist offen [6].
Es geht nicht darum, jede Anpassung aufzugeben. Wenn etwas nicht gelingt, ist das kein Versagen. Diese Schritte ersetzen keine Abklärung und keine Behandlung.
Wann ist eine Abklärung sinnvoll?
Eine Abklärung kann sinnvoll sein, wenn Sie sich in vielen der beschriebenen Erfahrungen wiedererkennen und die Schwierigkeiten Sie belasten. Ob die Merkmale einer ADHS vorliegen, etwa ein Beginn in der Kindheit und Schwierigkeiten in mehreren Lebensbereichen, klärt die Untersuchung [1]. Das gilt auch, wenn Sie wegen Erschöpfung, Ängsten oder Depressionen in Behandlung sind und sich fragen, ob mehr dahintersteckt [2][3]. Bei der Diagnostik hilft es, offen zu erzählen, wie viel Kraft das Ausgleichen kostet. Gerade das bleibt sonst leicht unsichtbar.
Über die Praxis
Meine Praxis in Düsseldorf bietet ADHS-Diagnostik für Erwachsene an, vor Ort oder online per Video. Die Gespräche sind auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch möglich, die Testverfahren auf Deutsch. Voraussetzungen, Ablauf und Kosten stehen auf der Seite ADHS-Diagnostik.
Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u. a.: Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Version 2.0, 2026, AWMF-Register-Nr. 028-045, Langfassung. register.awmf.org
- Kooij J. J. S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry 56, 14–34. doi:10.1016/j.eurpsy.2018.11.001
- Young S. et al. (2020): Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry 20, 404. doi:10.1186/s12888-020-02707-9
- Skoglund C. et al. (2024): Time after time: failure to identify and support females with ADHD. A Swedish population register study. Journal of Child Psychology and Psychiatry 65(6), 832–844. doi:10.1111/jcpp.13920
- van der Putten W. J. et al. (2024): Is camouflaging unique for autism? A comparison of camouflaging between adults with autism and ADHD. Autism Research 17(4), 812–823. doi:10.1002/aur.3099
- Wurth P., Fuermaier A. B. M., Strand A. H., Thorell L. B. (2025): Diagnosis acceptance, masking, and perceived benefits and challenges in adults with ADHD and ASD: associations with quality of life. Frontiers in Psychiatry 16, 1668780. doi:10.3389/fpsyt.2025.1668780
- Ai W., Cunningham W. A., Lai M.-C. (2024): Camouflaging, internalized stigma, and mental health in the general population. International Journal of Social Psychiatry 70(7), 1239–1253. doi:10.1177/00207640241260020
- Han A., Kim T. H. (2023): Effects of Self-Compassion Interventions on Reducing Depressive Symptoms, Anxiety, and Stress: A Meta-Analysis. Mindfulness 14(7), 1553–1581. doi:10.1007/s12671-023-02148-x
- Giblett M. J., Lind P. A., Medland S. E. (2026): Autism traits, ADHD symptoms, and stigma as predictors of social camouflaging in adults from the Australian ASD and ADHD Study. Research in Neurodiversity 2, 100047. doi:10.1016/j.rin.2026.100047
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