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Ratgeber

Erschöpfungs­depression: Burnout oder Depression?

Vielleicht sind Sie seit Monaten so erschöpft, dass selbst ein Urlaub nicht mehr hilft, und Dinge, die Ihnen früher Freude gemacht haben, sind nur noch anstrengend. Manche nennen das Burnout, andere Erschöpfungsdepression. In diesem Artikel erkläre ich, was hinter dem Begriff steckt, warum die Unterscheidung für die Behandlung wichtig ist und was Sie selbst tun können. Grundlage sind die deutsche Nationale VersorgungsLeitlinie zur Depression, die Definition der Weltgesundheitsorganisation und große Übersichtsarbeiten.

Von Igor Liberchuk, approbierter Psychologischer Psychotherapeut · Stand: Oktober 2026 · Lesezeit etwa 6 Minuten · Schwerpunkt: Angst & Depression

Was ist eine Erschöpfungsdepression?

„Erschöpfungsdepression“ ist ein Begriff aus dem Alltag, keine eigene Diagnose. In der deutschen Leitlinie zur Depression kommt er nicht vor. Im Alltag ist damit meist eine Depression gemeint, bei der Erschöpfung und Kraftlosigkeit im Vordergrund stehen, oft nach einer langen Zeit der Überlastung im Beruf oder in der Familie.

Erfüllen die Beschwerden die Kriterien einer Depression, stellen Fachleute eine depressive Episode fest. Sie wird je nach Anzahl und Stärke der Beschwerden als leicht, mittelgradig oder schwer eingestuft und danach behandelt [1].

Gehört Erschöpfung zu einer Depression?

Ja. Nach der in Deutschland verwendeten Klassifikation ICD-10 nennt die Leitlinie drei Hauptsymptome einer Depression [1]:

  • eine gedrückte Stimmung, die die meiste Zeit des Tages anhält, fast jeden Tag
  • der Verlust von Interesse und Freude an Dingen, die sonst angenehm sind
  • verminderter Antrieb oder eine schnelle Ermüdbarkeit

Die Erschöpfung ist also eines der Kernzeichen. Für die Diagnose müssen mindestens zwei Hauptsymptome und insgesamt mindestens vier Beschwerden zusammen auftreten, mindestens zwei Wochen lang [1]. Zu den weiteren Beschwerden gehören zum Beispiel Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Selbstzweifel und Schuldgefühle. Ausführlich beschreibt sie der Artikel Depression erkennen.

Erschöpfung allein ist noch keine Depression. Sie kann auch körperliche Ursachen haben. Deshalb ist es sinnvoll, die Beschwerden auch hausärztlich abklären zu lassen.

Burnout oder Depression: Was ist der Unterschied?

Die Weltgesundheitsorganisation versteht Burnout als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Sie führt Burnout ausdrücklich nicht als Krankheit, sondern als „berufsbezogenes Phänomen“ [2]. Auch nach der deutschen Leitlinie ist Burnout keine Behandlungsdiagnose. Es kann als Zusatzangabe vermerkt werden und gilt als Risikofaktor für psychische Erkrankungen wie eine Depression [1].

In der Forschung ist umstritten, wie scharf sich beides trennen lässt. Eine Übersichtsarbeit über 92 Studien kam zu dem Schluss, dass die Unterscheidung zwischen Burnout und Depression auf schwachen Füßen steht. Vor allem ist unklar, worin sich ein ausgeprägtes Burnout von einer Depression unterscheiden soll [3]. Eine Metaanalyse über 69 Fragebogenstudien fand einen deutlichen Zusammenhang, der aber nicht so groß war, dass beides dasselbe wäre [4].

Für Betroffene ist eine andere Frage wichtiger: Steckt hinter der Erschöpfung eine Depression? Die Leitlinie weist darauf hin, dass Burnout-ähnliche Beschwerden ein Hinweis auf eine Depression sein können und deshalb ernst genommen werden sollten [1]. In der bundesweiten Gesundheitsstudie DEGS1 hatten 7 von 10 Menschen, die nach eigenen Angaben im letzten Jahr eine Burnout-Diagnose erhalten hatten, außerdem eine psychische Erkrankung. Die Burnout-Diagnose hing besonders mit Störungen der Stimmung wie Depressionen, mit Angststörungen und mit körperlichen Beschwerden ohne ausreichenden organischen Befund zusammen [5]. Woran man Burnout erkennt und was Tests dazu leisten, beschreibt der Artikel Burnout erkennen.

Warum ist die Unterscheidung wichtig?

Weil davon die Hilfe abhängt. Burnout ist keine Behandlungsdiagnose. Für die Depression dagegen gibt es klare Behandlungsempfehlungen nach Schweregrad [1]: Bei leichten Episoden kommen zunächst niedrigschwellige Angebote wie angeleitete Selbsthilfe infrage, und eine Psychotherapie unter anderem dann, wenn das nicht ausreicht. Bei mittelgradigen Episoden sollen Psychotherapie und Medikamente gleichwertig angeboten werden, bei schweren Episoden die Kombination aus beidem.

Eine Netzwerk-Metaanalyse mit 101 Studien und knapp 12.000 Patientinnen und Patienten fand, dass Psychotherapie und Antidepressiva kurzfristig ähnlich gut wirken und die Kombination aus beidem besser als jede Behandlung allein [6]. Nach den bisherigen Studien hält die Wirkung einer Psychotherapie aber länger an. Bei üblicher Behandlung ging es nach etwa einem Jahr rund 29 von 100 Behandelten weiterhin gut. Nach Psychotherapie oder einer Kombination waren es rechnerisch 12 bis 16 von 100 mehr als nach rein medikamentöser oder üblicher Behandlung [7]. Die Aussagekraft dieser Studien ist allerdings begrenzt. Über Medikamente entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Hilft eine Krankschreibung?

Eine Krankschreibung kann entlasten. Die Leitlinie empfiehlt aber, Vor- und Nachteile vorher gemeinsam zu besprechen und mit einer Krankschreibung immer auch eine Behandlung anzubieten [1]. Diese Empfehlungen gelten ausdrücklich nicht für Menschen, die wegen starker Beschwerden eindeutig nicht arbeiten können [1]. Nach Einschätzung der Leitliniengruppe können vor allem längere Krankschreibungen dazu beitragen, dass sich eine Depression verschlimmert oder chronisch wird, und je länger sie dauern, desto schwerer gelingt die Rückkehr an den Arbeitsplatz [1].

Eine Cochrane-Übersicht mit 45 Studien und gut 12.000 Teilnehmenden hat untersucht, was Menschen mit Depression bei der Rückkehr in den Beruf hilft [8]. In 9 dieser Studien wurde eine Behandlung mit Veränderungen am Arbeitsplatz verbunden, etwa angepassten Aufgaben oder Arbeitszeiten oder einer schrittweisen Rückkehr. Die Betroffenen waren dann im ersten Jahr wahrscheinlich etwa 25 Tage weniger krankgeschrieben, je nach Berechnung zwischen 12 und 38 Tagen [8]. Nach einem Jahr waren aber nicht mehr Menschen wieder im Beruf als mit der üblichen Versorgung [8].

Was kann ich selbst tun?

Wer erschöpft ist, möchte sich vor allem ausruhen. Die Leitlinie nennt für leichtere Beschwerden aber auch einen anderen Weg: die Verhaltensaktivierung, die darauf zielt, Schonverhalten, Inaktivität und Rückzug abzubauen [1]. Sie wird von Fachleuten angeleitet. Kleine Schritte davon können Sie selbst ausprobieren:

  • Kleine Tätigkeiten statt langer Pausen. Planen Sie jeden Tag eine überschaubare Sache ein, die Ihnen früher gutgetan hat, zum Beispiel einen kurzen Spaziergang oder ein Telefonat mit einem vertrauten Menschen.
  • Bewegung, die zu Ihnen passt. Nach der Leitlinie sollen Behandelnde Menschen mit Depression zu sportlicher Aktivität ermutigen, idealerweise in einer Gruppe [1]. Fangen Sie klein an. Wenn Sie körperliche Erkrankungen haben, sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
  • Ein fester Rhythmus. Die Leitlinie nennt Tagesstruktur und Schlaf-Wach-Rhythmus als Themen der Selbsthilfe [1]. Praktisch heißt das zum Beispiel, möglichst jeden Tag zur gleichen Zeit aufzustehen und dem Tag eine einfache Struktur zu geben.

Wenn das an manchen Tagen nicht gelingt, ist das kein persönliches Versagen. Fehlender Antrieb gehört zu den typischen Symptomen der Erkrankung. Diese Schritte ersetzen keine Behandlung.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Ein guter Zeitpunkt ist, wenn die Erschöpfung seit Wochen anhält, wenn Erholung nicht mehr gelingt oder wenn auch das Leben außerhalb der Arbeit leidet. Erste Ansprechpartner sind die Hausarztpraxis, die auch körperliche Ursachen prüfen kann, und eine psychotherapeutische Praxis. Dort lässt sich klären, ob eine Depression oder eine andere Erkrankung vorliegt, die gezielt behandelt werden kann.

Wenn Sie an Suizid denken, warten Sie bitte nicht. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112 oder wenden sich an die nächste psychiatrische Klinik.

Über die Praxis

Meine Praxis in Düsseldorf behandelt alle Formen der depressiven Erkrankung, mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie und auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch. Weitere Informationen stehen auf der Seite Angst und Depression.

Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.

Quellen

  1. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2, 2022. doi:10.6101/AZQ/000505
  2. World Health Organization (2019): Burn-out an „occupational phenomenon“: International Classification of Diseases. who.int
  3. Bianchi R., Schonfeld I. S., Laurent E. (2015): Burnout-depression overlap: a review. Clinical Psychology Review 36, 28–41. doi:10.1016/j.cpr.2015.01.004
  4. Koutsimani P., Montgomery A., Georganta K. (2019): The Relationship Between Burnout, Depression, and Anxiety: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Psychology 10, 284. doi:10.3389/fpsyg.2019.00284
  5. Maske U. E. et al. (2016): Prävalenz und Komorbidität der selbstberichteten Diagnose eines Burnout-Syndroms in der Allgemeinbevölkerung. Psychiatrische Praxis 43, 18–24. doi:10.1055/s-0034-1387201
  6. Cuijpers P. et al. (2020): A network meta-analysis of the effects of psychotherapies, pharmacotherapies and their combination in the treatment of adult depression. World Psychiatry 19, 92–107. doi:10.1002/wps.20701
  7. Furukawa T. A. et al. (2021): Initial treatment choices to achieve sustained response in major depression: a systematic review and network meta-analysis. World Psychiatry 20, 387–396. doi:10.1002/wps.20906
  8. Nieuwenhuijsen K. et al. (2020): Interventions to improve return to work in depressed people. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020(10), CD006237. doi:10.1002/14651858.CD006237.pub4
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