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Ratgeber

Depression erkennen: Welche Symptome typisch sind

Fast jeder Mensch kennt Phasen, in denen er niedergeschlagen ist. Eine Depression ist mehr als das: Sie hält an, sie verändert Denken, Schlaf und Körpergefühl, und sie macht den Alltag spürbar schwerer. In diesem Artikel erkläre ich, woran man eine Depression erkennt und wann es Zeit ist, sich Unterstützung zu holen. Grundlage sind die deutsche Nationale VersorgungsLeitlinie und große Übersichtsstudien.

Von Igor Liberchuk, approbierter Psychologischer Psychotherapeut · Stand: Oktober 2026 · Lesezeit etwa 7 Minuten · Schwerpunkt: Angst & Depression

Wie häufig ist eine Depression?

Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. In der bundesweiten Gesundheitsstudie DEGS1 mit über 5.000 Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren hatten innerhalb eines Jahres 7,7 Prozent eine unipolare Depression, also rund 8 von 100 Menschen. Frauen waren etwa doppelt so oft betroffen wie Männer (10,6 gegenüber 4,8 Prozent), und Menschen zwischen 18 und 34 Jahren waren am häufigsten betroffen [2]. Im Laufe des Lebens erkranken je nach Studie etwa 12 bis 20 von 100 Menschen an einer Depression [1].

Woran erkenne ich eine Depression?

Die Leitlinie beschreibt nach der in Deutschland geltenden Klassifikation ICD-10 drei Hauptsymptome und mehrere Zusatzsymptome [1].

Die drei Hauptsymptome sind:

  • eine gedrückte Stimmung, die den größten Teil des Tages anhält, fast jeden Tag, und sich durch schöne Ereignisse kaum aufhellen lässt
  • der Verlust von Interesse und Freude an Dingen, die sonst angenehm waren
  • weniger Antrieb und eine schnelle Erschöpfung schon bei einfachen Alltagsaufgaben

Hinzu kommen häufig:

  • Konzentrationsprobleme und Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen
  • ein geringes Selbstwertgefühl, Selbstvorwürfe und übertriebene Schuldgefühle
  • ein sehr düsterer Blick in die Zukunft bis hin zur Hoffnungslosigkeit (in der neuen ICD-11 ein eigenes Merkmal)
  • innere Unruhe oder auffällige Verlangsamung
  • Schlafstörungen, oft Durchschlafprobleme oder frühes Erwachen, seltener vermehrter Schlaf
  • weniger oder mehr Appetit, mit Ab- oder Zunahme des Gewichts
  • Gedanken an den Tod oder an Suizid

Für die Diagnose zählt nicht ein einzelnes Symptom, sondern die Kombination. Mindestens zwei der drei Hauptsymptome und insgesamt mindestens vier Beschwerden müssen gemeinsam auftreten und mindestens zwei Wochen lang fast jeden Tag bestehen. Je nach Anzahl, Stärke und den Einschränkungen im Alltag spricht man von einer leichten, mittelgradigen oder schweren Episode [1].

Wie unterscheidet sich eine Depression von normaler Traurigkeit?

Traurigkeit nach einem Verlust, einer Trennung oder einer Enttäuschung ist eine gesunde Reaktion. Manchmal wird daraus eine sogenannte Anpassungsstörung, also eine starke, aber meist vorübergehende Reaktion auf eine Belastung. Die Leitlinie nennt Anhaltspunkte, wie sie sich von einer Depression unterscheidet [1]: Es gibt einen klaren Auslöser, die schweren Gefühle kommen eher in Wellen, und schöne Momente können noch berühren. Körperliche Zeichen wie deutlicher Gewichtsverlust oder Erwachen in den frühen Morgenstunden fehlen, ebenso andauernde schwere Selbstzweifel oder starke Schuldgefühle. Der Alltag gelingt meist weiter, und die Beschwerden lassen in der Regel innerhalb von sechs Monaten nach.

Bei einer Depression ist die Stimmung dagegen die meiste Zeit gedrückt, oft am Morgen besonders schwer. Viele Betroffene beschreiben eine innere Leere, in der weder Freude noch Trauer richtig ankommen. Arbeit, Haushalt und Beziehungen leiden. Die Grenze ist nicht immer scharf; eine sorgfältige Einschätzung im Gespräch hilft, sie zu klären.

Welche körperlichen Beschwerden können dahinterstecken?

Viele Menschen mit Depression gehen zuerst wegen körperlicher Beschwerden zur Hausärztin oder zum Hausarzt. In einer Studie der Weltgesundheitsorganisation in 15 Hausarztzentren aus 14 Ländern kamen 69 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Depression (je nach Zentrum 45 bis 95 Prozent) zunächst nur mit körperlichen Beschwerden in die Praxis. Elf Prozent verneinten auf direkte Nachfrage sogar seelische Symptome [5].

Die Leitlinie zählt unter anderem diese Beschwerden auf, bei denen an eine Depression gedacht werden sollte [1]:

  • anhaltende Abgeschlagenheit und Kraftlosigkeit
  • Ein- und Durchschlafstörungen, frühes Erwachen
  • Appetitlosigkeit, Magendruck, Verdauungsprobleme
  • diffuse Kopfschmerzen, Muskelverspannungen und unklare Schmerzen
  • Druckgefühl in Hals oder Brust, Herzklopfen, Schwindel
  • weniger sexuelles Verlangen

Solche Beschwerden können natürlich auch rein körperliche Ursachen haben. Deshalb ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.

Verändert eine Depression das Denken?

Ja. Viele Betroffene erleben, dass sie sich schlecht konzentrieren können, Dinge vergessen und für einfache Entscheidungen lange brauchen. Eine Metaanalyse mit standardisierten Computertests fand bei Menschen mit Depression messbare Einschränkungen in Aufmerksamkeit, Gedächtnis und im Planen und Steuern des eigenen Handelns [6]. Auch bei Menschen, deren Depression abgeklungen war, fanden sich noch Einschränkungen in Aufmerksamkeit und Planen. Wer nach einer Depression noch eine Weile unkonzentriert ist, hat also nicht versagt. Auch das gehört zur Erkrankung und kann in der Behandlung berücksichtigt werden.

Zeigt sich eine Depression bei Männern anders?

Teilweise. Eine Übersichtsarbeit über 32 Studien mit zusammen mehr als 108.000 Teilnehmenden verglich die Symptome von Frauen und Männern mit Depression [4]. Männer berichteten häufiger von vermehrtem Alkohol- oder Drogenkonsum, riskantem Verhalten und schlechter Impulskontrolle. Frauen berichteten häufiger von den klassischen Zeichen wie gedrückter Stimmung, Veränderungen von Appetit und Gewicht und Schlafproblemen. Die Unterschiede waren meist klein, beim riskanten Verhalten etwas größer. Mehr Alkohol oder ungewohnte Risikobereitschaft können bei Männern also auch zu einer Depression gehören; bei einer Abklärung sollte danach gefragt werden.

Kann ich mich selbst testen?

Für einen ersten Hinweis gibt es einen Test mit nur zwei Fragen [1] [9]. Sinngemäß lauten sie:

  1. Waren Sie im vergangenen Monat oft niedergeschlagen, traurig oder ohne Hoffnung?
  2. Hatten Sie im vergangenen Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Wer mindestens eine der beiden Fragen mit Ja beantwortet, sollte das ärztlich oder psychotherapeutisch abklären lassen. In der Originalstudie fand der Test 96 von 100 Depressionen. Von 100 Menschen ohne Depression schlug er aber bei etwa 43 ebenfalls an [9].

Ausführlicher ist der Fragebogen PHQ-9 mit neun Fragen. Er schlägt seltener grundlos an, übersieht dafür etwas mehr. In einer großen Auswertung von 58 Studien mit über 17.000 Teilnehmenden erkannte er in den Studien mit dem genauesten Vergleichsinterview ab einem Wert von 10 Punkten 88 von 100 Depressionen, und 85 von 100 Menschen ohne Depression wurden richtig als unauffällig eingestuft [3]. Trotzdem hatte in Hausarztpraxen rechnerisch nur etwa jede zweite Person mit auffälligem Ergebnis tatsächlich eine Depression. Ein Selbsttest kann also einen Anstoß geben. Eine Diagnose ersetzt er nicht; diese entsteht im ausführlichen Gespräch.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Ein guter Zeitpunkt ist, wenn die Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten, wenn Sie Ihren Alltag nur noch mit großer Mühe bewältigen oder wenn Menschen in Ihrem Umfeld sich Sorgen machen. Erste Ansprechpartner sind die Hausarztpraxis, eine psychotherapeutische Praxis oder eine psychiatrische Praxis.

Wenn Sie an Suizid denken, warten Sie bitte nicht. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112 oder wenden sich an die nächste psychiatrische Klinik.

Wie wird eine Depression behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad. Die Leitlinie empfiehlt bei leichten Episoden zunächst niedrigschwellige Angebote wie angeleitete Selbsthilfe, kurze Gesprächsangebote mit psychotherapeutischen Techniken oder begleitete Online-Programme, und eine Psychotherapie, wenn das nicht ausreicht oder ein schwererer Verlauf droht. Bei mittelgradigen Episoden sollen Psychotherapie und Medikamente gleichwertig angeboten werden, bei schweren Episoden die Kombination aus beidem [1].

Eine Netzwerk-Metaanalyse mit 101 Studien und knapp 12.000 Patientinnen und Patienten fand, dass Psychotherapie und Antidepressiva kurzfristig ähnlich gut wirken [7]. Bei mittelgradigen bis schweren Depressionen sprachen mit der Kombination mehr Menschen auf die Behandlung an als mit einer der beiden allein. Psychotherapie wurde außerdem seltener abgebrochen als eine reine medikamentöse Behandlung.

Nach den bisherigen Studien hält die Wirkung einer Psychotherapie länger an als die einer rein medikamentösen Behandlung. Eine Auswertung von 81 Studien verfolgte den Verlauf über etwa ein Jahr [8]. Nach etwa einem Jahr ging es nach Psychotherapie oder einer Kombination 41 bis 45 von 100 Behandelten weiterhin gut, nach rein medikamentöser oder üblicher Behandlung etwa 29 von 100.

Welche Behandlung im Einzelfall passt, hängt von den Beschwerden, der Vorgeschichte und Ihren eigenen Wünschen ab. Über Medikamente entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Über die Praxis

Meine Praxis in Düsseldorf behandelt alle Formen der depressiven Erkrankung, mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie und auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch. Weitere Informationen stehen auf der Seite Angst und Depression.

Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.

Quellen

  1. Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2, 2022. doi:10.6101/AZQ/000505
  2. Jacobi F. et al. (2014): Twelve-month prevalence, comorbidity and correlates of mental disorders in Germany: the Mental Health Module of the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1-MH). International Journal of Methods in Psychiatric Research 23, 304–319. doi:10.1002/mpr.1439
  3. Levis B., Benedetti A., Thombs B. D., for the DEPRESSD Collaboration (2019): Accuracy of Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) for screening to detect major depression: individual participant data meta-analysis. BMJ 365, l1476. doi:10.1136/bmj.l1476
  4. Cavanagh A. et al. (2017): Differences in the Expression of Symptoms in Men Versus Women with Depression: A Systematic Review and Meta-analysis. Harvard Review of Psychiatry 25, 29–38. doi:10.1097/HRP.0000000000000128
  5. Simon G. E. et al. (1999): An international study of the relation between somatic symptoms and depression. New England Journal of Medicine 341, 1329–1335. doi:10.1056/NEJM199910283411801
  6. Rock P. L. et al. (2014): Cognitive impairment in depression: a systematic review and meta-analysis. Psychological Medicine 44, 2029–2040. doi:10.1017/S0033291713002535
  7. Cuijpers P. et al. (2020): A network meta-analysis of the effects of psychotherapies, pharmacotherapies and their combination in the treatment of adult depression. World Psychiatry 19, 92–107. doi:10.1002/wps.20701
  8. Furukawa T. A. et al. (2021): Initial treatment choices to achieve sustained response in major depression: a systematic review and network meta-analysis. World Psychiatry 20, 387–396. doi:10.1002/wps.20906
  9. Whooley M. A. et al. (1997): Case-finding instruments for depression. Two questions are as good as many. Journal of General Internal Medicine 12, 439–445. doi:10.1046/j.1525-1497.1997.00076.x
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