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Alkoholsucht: Woran erkenne ich sie, und was hilft?

Vielleicht ist aus dem einen Glas Wein am Abend über die Jahre ein zweites und drittes geworden, und Sie haben sich schon öfter vorgenommen, weniger zu trinken, ohne dass es geklappt hat. Vielleicht machen Sie sich auch Sorgen um einen Menschen, der Ihnen nahesteht. In diesem Artikel erkläre ich, woran man eine Alkoholabhängigkeit erkennt, warum ein Entzug nicht allein zu Hause stattfinden sollte, welche Behandlung hilft und was Sie selbst tun können. Grundlage sind die deutsche S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen, die zurzeit überarbeitet wird, aktuelle Angaben des Bundesgesundheitsministeriums und Übersichtsarbeiten.

Von Igor Liberchuk, approbierter Psychologischer Psychotherapeut · Stand: Oktober 2026 · Lesezeit etwa 7 Minuten · Schwerpunkt: Suchttherapie

Ab wann ist man alkoholabhängig?

Einen Konsum ganz ohne Risiko gibt es nicht. Die Leitlinie nennt noch Grenzwerte für einen risikoarmen Konsum gesunder Erwachsener: höchstens 24 Gramm reinen Alkohol am Tag für Männer, etwa zwei kleine Gläser Bier, und 12 Gramm für Frauen [1]. Nach den neuen Erkenntnissen, auf denen die aktuellen Empfehlungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen beruhen, kann aber jede Form des Alkoholkonsums, selbst in geringen Mengen, langfristig der Gesundheit schaden [7]. In der Schwangerschaft und Stillzeit schadet jeglicher Alkohol dem Kind [1]. In Deutschland trinken nach der neuesten Erhebung von 2024 etwa 8,6 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren riskante Mengen, rund 2,2 Millionen erfüllen die Kriterien einer Abhängigkeit [7].

Eine Abhängigkeit stellen Fachleute nach der Einteilung ICD-10 fest, wenn im letzten Jahr mindestens drei dieser sechs Merkmale gleichzeitig bestanden [1]:

  • ein starkes Verlangen oder eine Art Zwang, Alkohol zu trinken
  • Schwierigkeiten, zu steuern, wann und wie viel Sie trinken und wann Sie aufhören
  • Entzugserscheinungen, wenn Sie weniger oder nichts trinken, oder Trinken, um sie zu vermeiden
  • eine wachsende Verträglichkeit, Sie brauchen also mehr für die gleiche Wirkung
  • andere Interessen treten zurück, viel Zeit geht für Trinken und Erholen davon
  • Weitertrinken, obwohl Sie die Schäden kennen, etwa an der Leber oder an der Stimmung

Viele Betroffene spielen ihren Konsum herunter [1]. Ein gut untersuchter Fragebogen ist der AUDIT [1]. Er zeigt, ob ein genaueres Gespräch sinnvoll ist, stellt aber keine Diagnose.

Ist Alkoholsucht vererbbar?

Teilweise. Eine Auswertung von 12 Zwillings- und 5 Adoptionsstudien kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte der Unterschiede im Risiko auf erbliche Faktoren zurückgeht [2]. Rund 10 Prozent erklärte die gemeinsame Umgebung in der Familie, rund 40 Prozent eigene Erfahrungen außerhalb davon [2]. Ein erhöhtes Risiko ist also kein Schicksal. Gibt es Alkoholprobleme in der Familie, ist das aber ein guter Grund, auf den eigenen Konsum zu achten.

Kann ich allein aufhören, und ist ein Entzug zu Hause gefährlich?

Wer körperlich abhängig ist, kann beim plötzlichen Aufhören Entzugserscheinungen bekommen, vor allem Zittern, Unruhe, Schwitzen, Schlafstörungen und Kreislaufprobleme [1]. Es können auch Krampfanfälle oder ein Delir auftreten, ein Verwirrtheitszustand, der lebensbedrohlich werden kann. Solche schweren Verläufe sind selten, sie betreffen vermutlich weniger als 5 von 100 Menschen im Entzug [1]. Die Leitlinie warnt deshalb vor den Risiken, wenn man plötzlich und ohne ärztliche Begleitung aufhört oder die Menge stark verringert [1]. Besteht ein Risiko für Krampfanfälle oder ein Delir, soll eine stationäre Entgiftung angeboten werden [1]. Das gilt auch in der Schwangerschaft, bei Suizidgedanken oder wenn niemand Sie unterstützen kann [1]. Ambulant ist sie möglich, wenn keine schweren Entzugserscheinungen zu erwarten sind, Sie Unterstützung im Umfeld haben und sich an Absprachen halten können, eine Ärztin oder ein Arzt mit Erfahrung Sie eng begleitet und rund um die Uhr ein Notdienst erreichbar ist [1].

Die Entgiftung allein behandelt die Sucht aber noch nicht. Danach soll sich möglichst ohne Lücke eine weitere Behandlung anschließen [1].

Ist kontrolliertes Trinken möglich?

Bei einer Abhängigkeit ist kontrolliertes Trinken nach der Leitlinie nicht das erste Ziel. Das wichtigste Ziel ist dann der Verzicht auf Alkohol [1]. Ist das im Moment nicht erreichbar, oder trinken Sie riskant oder schädlich, aber nicht abhängig, soll die Behandlung darauf zielen, Menge und Trinktage zu verringern, um Schäden zu verringern [1]. Weniger zu trinken kann auch ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Abstinenz sein [1]. Welches Ziel für Sie passt, klären Sie gemeinsam mit Fachleuten.

Welche Behandlung hilft bei Alkoholsucht?

Nach der Entgiftung sollen nach der Leitlinie motivierende Gespräche, Verhaltenstherapie und kognitive Verhaltenstherapie angeboten werden, außerdem die Arbeit mit Angehörigen und eine Paartherapie [1]. Ergänzend sollten Medikamente angeboten werden, die Rückfällen vorbeugen sollen, als Teil eines Gesamtplans [1]. Bei einer Abhängigkeit soll eine Behandlung aus mehreren Bausteinen angeboten werden, etwa eine Suchtrehabilitation, ambulant, ganztägig ambulant oder stationär [1].

In deutschen Nachbefragungen lebten ein Jahr nach einer Suchtrehabilitation je nach Studie 25 bis 49 von 100 Behandelten abstinent, manche davon nach einem Rückfall. Die Studien betrafen Alkohol und andere Suchtmittel [1]. Wer nicht antwortete, wurde als rückfällig gezählt, die Berechnung ist also vorsichtig [1]. Eine Vergleichsgruppe ohne Behandlung gab es in diesen Nachbefragungen nicht.

Für eine ambulante Psychotherapie über die gesetzliche Krankenkasse gilt bei einer Abhängigkeit, dass Sie in den ersten Behandlungsstunden suchtmittelfrei werden müssen. Die genauen Bedingungen stehen auf der Seite Suchttherapie.

Was ist, wenn ich rückfällig werde?

Ein Rückfall bedeutet nicht, dass alles umsonst war. Nach den Standards der Fachgesellschaft für solche Nachbefragungen zählen Menschen, die nach einem Rückfall wieder mindestens 30 Tage abstinent leben, zu den Erfolgen [1]. Wichtig ist, früh mit den Behandelnden oder einer Selbsthilfegruppe darüber zu sprechen und nicht aus Scham allein zu bleiben.

Was können Angehörige tun?

Angehörige tragen oft eine große Last. Frauen, die sich um ein Familienmitglied mit Alkoholproblemen kümmern, haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Ängste, und in solchen Familien kommt es öfter zu Gewalt [1]. Wenn Sie Gewalt erleben, holen Sie sich Hilfe, in akuter Gefahr über den Notruf 112. Die Leitlinie empfiehlt, Angehörige früh auf Selbsthilfegruppen für Angehörige hinzuweisen [1]. Ein strukturiertes Training für Angehörige, abgekürzt CRAFT, soll ihnen helfen, den betroffenen Menschen zu einer Behandlung zu ermutigen. In einer Übersicht über 14 Studien zu verschiedenen Süchten, nicht nur Alkohol, begannen je nach Form des Trainings zwischen 13 und 86 von 100 Betroffenen eine Behandlung, am häufigsten bei Einzel- und Gruppensitzungen zusammen. In den Vergleichen war das etwa doppelt so oft wie ohne das Training [6]. Angebote für Angehörige verringerten in Studien auch deren eigene Belastung, keines war anderen Angeboten aber klar überlegen [1].

Was kann ich selbst tun?

Wenn Sie seit längerer Zeit täglich viel trinken, wenn Sie zittern, schwitzen oder unruhig werden, sobald Sie nicht trinken, oder wenn Sie bei einem früheren Entzug einen Krampfanfall oder ein Delir hatten, sprechen Sie bitte zuerst mit Ihrer Hausarztpraxis, bevor Sie die Menge stark verringern oder ganz aufhören [1]. Bei einem Krampfanfall oder plötzlicher Verwirrtheit wählen Sie den Notruf 112. Die ersten beiden Tipps stammen aus Studien mit Menschen, die meist nicht abhängig waren, der dritte aus Studien mit Alkoholkranken. Die Effekte waren eher klein, als erster Schritt sind alle trotzdem einen Versuch wert:

  • Herausfinden, wann Sie trinken. Notieren Sie eine Woche lang, in welchen Situationen Sie zum Glas greifen: Uhrzeit, Ort, Stimmung, wer dabei ist. Suchen Sie sich danach eine dieser Situationen aus und überlegen Sie zwei oder drei Möglichkeiten, sie anders zu lösen, etwa nach einem anstrengenden Arbeitstag zuerst eine Runde um den Block. Denn in Studien zu Online-Programmen ging genau das, Auslöser erkennen und Lösungen planen, mit etwas weniger Alkohol einher [3].
  • Einen Wenn-dann-Plan schreiben. Legen Sie für eine Alltagssituation, in der Sie sonst trinken, fest, was Sie stattdessen tun, und schreiben Sie es auf: „Wenn ich abends nach Hause komme, dann trinke ich zuerst einen Tee.“ Hängen Sie den Zettel dorthin, wo Sie ihn sehen. Denn ein fester Plan macht es leichter, in der Situation anders zu handeln, und in Studien tranken Menschen damit etwas weniger [4].
  • Eine Selbsthilfegruppe ausprobieren. Gehen Sie einmal zu einem Treffen, zum Beispiel der Anonymen Alkoholiker oder einer anderen Sucht-Selbsthilfegruppe. Für den Anfang reicht es, zuzuhören. Die Treffen der Anonymen Alkoholiker sind kostenlos [5]. Denn wer gezielt zum regelmäßigen Besuch der Anonymen Alkoholiker ermutigt wurde, blieb in Studien etwas häufiger ein Jahr lang abstinent als nach anderen bewährten Behandlungen [5].

Wenn es nicht auf Anhieb klappt, ist das kein Versagen. Eine Abhängigkeit ist eine Erkrankung, und Rückschläge gehören oft dazu. Diese Tipps ersetzen keine Behandlung.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Wenn Sie mehrere der genannten Merkmale bei sich erkennen, wenn Versuche, weniger zu trinken, immer wieder scheitern, oder wenn Menschen in Ihrer Nähe sich Sorgen machen, ist ein Gespräch sinnvoll. Erste Ansprechpartner sind Ihre Hausarztpraxis oder eine Suchtberatungsstelle [1]. Auch eine psychotherapeutische Praxis kann der erste Schritt sein [1].

Wenn Sie an Suizid denken, warten Sie bitte nicht. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 112 oder wenden sich an die nächste psychiatrische Klinik.

Über die Praxis

Meine Praxis in Düsseldorf behandelt Alkoholabhängigkeit und andere Suchterkrankungen, mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie und auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch. Weitere Informationen stehen auf der Seite Suchttherapie.

Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-SUCHT, Hrsg.): S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen, Langfassung, Version 3.1, Dezember 2020; gültig bis 31.12.2025, laut AWMF in Überarbeitung. AWMF-Register 076-001. register.awmf.org
  2. Verhulst B., Neale M. C., Kendler K. S. (2015): The heritability of alcohol use disorders: a meta-analysis of twin and adoption studies. Psychological Medicine 45, 1061–1072. doi:10.1017/S0033291714002165
  3. Garnett C. V. et al. (2018): Behavior Change Techniques Used in Digital Behavior Change Interventions to Reduce Excessive Alcohol Consumption: A Meta-regression. Annals of Behavioral Medicine 52, 530–543. doi:10.1093/abm/kax029
  4. Cooke R., McEwan H., Norman P. (2023): The effect of forming implementation intentions on alcohol consumption: A systematic review and meta-analysis. Drug and Alcohol Review 42, 68–80. doi:10.1111/dar.13553
  5. Kelly J. F., Humphreys K., Ferri M. (2020): Alcoholics Anonymous and other 12-step programs for alcohol use disorder. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020(3), CD012880. doi:10.1002/14651858.CD012880.pub2
  6. Archer M. et al. (2020): Community reinforcement and family training and rates of treatment entry: a systematic review. Addiction 115, 1024–1037. doi:10.1111/add.14901
  7. Bundesministerium für Gesundheit: Alkohol (Begriffe A–Z), Stand 8. Oktober 2026. bundesgesundheitsministerium.de