ADHS-Test für Erwachsene: Was Online-Tests können und was nicht
Wer sich schwer konzentrieren kann, Termine vergisst oder innerlich nie zur Ruhe kommt, stößt im Internet schnell auf ADHS-Tests. In wenigen Minuten liefern sie ein Ergebnis. In diesem Artikel erkläre ich, was solche Tests messen, wie zuverlässig sie sind und was zu einer vollständigen Abklärung gehört. Grundlage sind die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS und Studien zur Genauigkeit von Selbsttests.
Was ist ADHS bei Erwachsenen?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die Leitlinie beschreibt drei Kernmerkmale: Unaufmerksamkeit sowie Impulsivität und Hyperaktivität. Nicht alle müssen gleichzeitig vorliegen [1]. Für eine Diagnose reicht es nicht, dass diese Merkmale manchmal auftreten. Sie müssen deutlich stärker ausgeprägt sein als üblich, in mehreren Lebensbereichen auftreten, etwa im Beruf und in der Familie, und zu deutlichen Beeinträchtigungen führen [1]. Treten die Schwierigkeiten nur an einem Ort auf, zum Beispiel nur bei der Arbeit, kann das nach der Leitlinie auf eine andere psychische Erkrankung hinweisen [1].
ADHS beginnt typischerweise in der Kindheit; nach den Diagnosekriterien des DSM-5 müssen erste Anzeichen vor dem 12. Lebensjahr vorhanden gewesen sein [1]. Bei Erwachsenen zeigt sich die Unruhe oft weniger nach außen als bei Kindern [1]. Manchmal werden die Beschwerden auch erst spürbar, wenn die Anforderungen im Alltag steigen. Dann prüft man in der Diagnostik, ob es schon in der Kindheit leichtere Anzeichen gab [1].
Wie häufig ist ADHS bei Erwachsenen?
Eine weltweite Übersichtsarbeit schätzt, dass etwa 2 bis 3 von 100 Erwachsenen eine ADHS haben, die schon in der Kindheit begonnen hat [2]. Zählt man alle Erwachsenen mit ausgeprägten ADHS-Symptomen, ohne zu prüfen, ob diese schon in der Kindheit begannen, sind es knapp 7 von 100 [2]. Beide Zahlen sind Schätzungen mit großer Spannbreite. Die Leitlinie betont außerdem, dass ADHS-Merkmale in der Bevölkerung in allen Abstufungen vorkommen. Von einer ADHS spricht man erst, wenn Zahl und Stärke der Merkmale und die Beeinträchtigung im Alltag deutlich sind [1]. Viele Menschen erkennen sich deshalb in einzelnen Merkmalen wieder.
Was misst ein ADHS-Selbsttest?
Seriöse Selbsttests beruhen auf geprüften Fragebögen. Ein bekanntes Beispiel ist der Kurzfragebogen der Weltgesundheitsorganisation für Erwachsene mit sechs Fragen. Er fragt, wie oft typische Schwierigkeiten in letzter Zeit aufgetreten sind [3]. In der Studie, in der er entwickelt wurde, erkannte er knapp 7 von 10 Menschen mit ADHS und stufte fast alle Menschen ohne ADHS richtig ein [3]. Diese Werte sind aber eher zu günstig: Die Studie umfasste nur 154 Personen, darunter gezielt viele mit ADHS-Hinweisen, und die sechs Fragen wurden in derselben Gruppe ausgewählt [3]. In anderen Gruppen fallen die Werte niedriger aus, wie der nächste Abschnitt zeigt.
Die Leitlinie ordnet solche Fragebögen klar ein: Sie können ein Gespräch mit einer Fachperson ergänzen, aber nicht ersetzen [1]. Geeignet sind Fragebögen, die abgestuft erfassen, wie häufig oder wie stark ein Merkmal auftritt, und nicht nur Ja oder Nein abfragen [1].
Wie zuverlässig ist ein auffälliges Ergebnis?
Hier liegt die größte Schwäche der Selbsttests. Eine systematische Übersicht hat die verfügbaren Studien zu gängigen ADHS-Fragebögen und Kurzinterviews für Erwachsene ausgewertet. Nur 20 Studien oder Testhandbücher enthielten überhaupt Angaben zur Treffsicherheit [4]. Die Übersicht kommt zu zwei Befunden.
- Ein unauffälliges Ergebnis ist recht verlässlich. Von 100 Menschen mit unauffälligem Test hatten mehr als 96 tatsächlich keine ADHS [4].
- Ein auffälliges Ergebnis ist dagegen oft falsch. In Stichproben aus der Behandlung hatten meist weniger als 20 von 100 positiv Getesteten wirklich ADHS, höchstens 61 von 100 [4].
Ein Beispiel: In einer internationalen Studie mit 1.138 Menschen, die eine Suchtbehandlung begannen, hatten 13 von 100 eine ADHS. Der WHO-Kurzfragebogen erkannte die meisten von ihnen, etwa 84 von 100. Von 100 Menschen mit auffälligem Ergebnis hatten aber nur 26 tatsächlich ADHS. Ein unauffälliges Ergebnis traf dagegen bei 97 von 100 zu [5].
Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens kommen Konzentrationsprobleme, innere Unruhe und Vergesslichkeit bei vielen Belastungen vor. Die Leitlinie nennt unter anderem Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, Suchterkrankungen und körperliche Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen [1]. Diese können auch zusätzlich zu einer ADHS bestehen [1]. Ein Fragebogen kann sie nicht zuverlässig voneinander unterscheiden. Zweitens gilt: Je seltener ADHS in einer Gruppe ist, desto mehr auffällige Ergebnisse sind Fehlalarme [5].
Woran erkenne ich einen seriösen Online-Test?
Nicht jeder Test im Internet beruht auf einem geprüften Fragebogen. Eine Untersuchung der 125 beliebtesten englischsprachigen ADHS-Videos auf TikTok stufte die Hälfte als irreführend ein. Dazu zählten auch Videos, die einen ADHS-Test versprachen [6]. Zur Orientierung können Sie auf drei Dinge achten:
- Der Test nennt den Fragebogen, auf dem er beruht, zum Beispiel den Kurzfragebogen der Weltgesundheitsorganisation.
- Er fragt abgestuft, wie häufig etwas vorkommt, statt nur Ja oder Nein. So empfiehlt es die Leitlinie für Fragebögen in der Diagnostik [1].
- Er sagt deutlich, dass das Ergebnis keine Diagnose ist.
Was gehört zu einer vollständigen ADHS-Diagnostik?
Nach der Leitlinie stützt sich die Diagnose bei Erwachsenen vor allem auf ein ausführliches klinisches Gespräch [1]. Dazu gehören:
- die heutigen Beschwerden und in welchen Lebensbereichen sie auftreten
- die Folgen im Alltag, etwa im Beruf oder in Beziehungen
- die Entwicklung seit der Kindheit; Zeugnisse oder Angaben von Angehörigen können dabei Hinweise geben
- andere psychische und körperliche Beschwerden, die ähnliche Anzeichen hervorrufen können
Fragebögen und Testverfahren können ergänzend eingesetzt werden [1]. Allein auf Leistungstests, etwa zur Aufmerksamkeit, soll die Diagnose aber weder gestellt noch ausgeschlossen werden [1]. Mit Blutwerten, EEG oder anderen Geräten lässt sich ADHS nicht nachweisen; solche Untersuchungen dienen dazu, andere Ursachen auszuschließen [1]. Zur Diagnostik gehört außerdem eine körperliche und neurologische Untersuchung. Stellen Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten die Diagnose, empfiehlt die Leitlinie, dass diese Untersuchung zusätzlich ärztlich erfolgt [1].
Bei Erwachsenen nennt die Leitlinie unter anderem Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie, Nervenheilkunde oder psychosomatische Medizin sowie ärztliche und Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten [1].
Mein Test war auffällig. Was nun?
Ein auffälliges Ergebnis ist ein guter Anlass, die Beschwerden ernst zu nehmen, aber kein Beweis für ADHS. Sprechen Sie mit Ihrer Hausarztpraxis oder einer Fachperson, die ADHS bei Erwachsenen abklärt. Hilfreich ist es, vorher aufzuschreiben, welche Schwierigkeiten Sie im Alltag haben und seit wann. Wenn vorhanden, legen Sie alte Schulzeugnisse bereit.
Auch wenn sich am Ende keine ADHS bestätigt, lohnt die Abklärung: Hinter den Beschwerden kann eine andere Ursache stecken, die sich gezielt behandeln lässt.
Über die Praxis
Meine Praxis in Düsseldorf bietet ADHS-Diagnostik für Erwachsene an, vor Ort oder online. Die Gespräche sind auf Deutsch, Russisch oder Ukrainisch möglich, die Testverfahren auf Deutsch. Voraussetzungen und Ablauf stehen auf der Seite ADHS-Diagnostik.
Dieser Artikel informiert allgemein und ersetzt keine persönliche Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) u. a.: Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Version 2.0, 2026, AWMF-Register-Nr. 028-045, Langfassung, Einleitung, Kapitel 1.1 und 2.1. register.awmf.org
- Song P. et al. (2021): The prevalence of adult attention-deficit hyperactivity disorder: A global systematic review and meta-analysis. Journal of Global Health 11, 04009. doi:10.7189/jogh.11.04009
- Kessler R. C. et al. (2005): The World Health Organization Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS): a short screening scale for use in the general population. Psychological Medicine 35, 245–256. doi:10.1017/s0033291704002892
- Harrison A. G., Edwards M. J. (2023): The Ability of Self-Report Methods to Accurately Diagnose Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders 27, 1343–1359. doi:10.1177/10870547231177470
- van de Glind G. et al. (2013): Validity of the Adult ADHD Self-Report Scale (ASRS) as a screener for adult ADHD in treatment seeking substance use disorder patients. Drug and Alcohol Dependence 132, 587–596. doi:10.1016/j.drugalcdep.2013.04.010
- Sieferle K. et al. (2025): Quality and Perception of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Content on TikTok: Cross-Sectional Study. JMIR Infodemiology 5, e75973. doi:10.2196/75973
